franchise ERFOLGE - Ausgabe März-Mai 2021

6 franchiseEXPERTEN. Die Innenstädte verändern sich Ein Handwerker parkt auf seinem Betriebs- grundstück im Gewerbegebiet, belädt dort das Fahrzeug mit Werkzeug und den be- stellten Dachfenstern und fährt dann zum Kunden, um sie dort einzubauen. Wo sein Betrieb angesiedelt ist, interessiert eher kaum. Bei Dienstleistungen ist die Stand- ortfrage schon weniger eindeutig, weil sich hinter dem Begriff ein großes Spektrum völ- lig unterschiedlicher Geschäftsfelder ver- birgt. Anwaltskanzleien, Medienagenturen oder das Büro des Steuerberaters können in einem Bürohaus in Citylage oder in einer re- präsentativen Villa im Grüngürtel der Stadt residieren. Bei Reisebüros oder Friseuren sind Fragen der Sichtbarkeit und Erreich- barkeit schon eher ein Thema. Aber ein ele- mentarer und entscheidender Erfolgsfaktor für wirtschaftlichen Erfolg ist der Standort im Einzelhandel und in der Gastronomie – genau genommen ebenso wichtig wie das Geschäftskonzept selbst. Der Einzelhandel benötigt attraktive In- nenstadtlagen mit Laufkundschaft und den daraus entstehenden Spontankäufen. Ab- gesehen von speziellen Eventlocations oder Landgasthöfen, gilt das auch für die Gast- ronomie. Die coronabedingten Einschrän- kungen zeigen das auf dramatische Weise. Insbesondere bei den Modegeschäften sind bekannte Namen aus den Innenstädten ver- schwunden oder haben den Rückzug bereits eingeleitet. Das beeinflusst die Attraktivi- tät der City spürbar und belastet auch die wirtschaftlichen Chancen der Gastronomie. Zudem entzieht der Onlinehandel dem sta- tionären Handel immer mehr Umsatz. Der Sprint zur Haustür, wenn der Paketbote klin- gelt, ersetzt den Gang in die Stadt. Last not least hat sich die Arbeitswelt in den letzten Monaten massiv verändert. Wer bisher in der Stadt unterwegs zum Arbeitsplatz oder zur Schule war, ging nebenbei auch Shop- pen oder nutzte die Gastronomie. Das alles ist belegt durch Datenanalysen, die jeder bei Dienstleistern bestellen kann. Große Be- deutung haben dabei die Frequenzdaten als Ergebnis aus der Erfassung wer sich wann, wie, wo und warum wohin bewegt. Aber etliche dieser Erkenntnisse sind leider nicht mehr uneingeschränkt gültig. Was bedeutet Corona für künftige Stand- ortentscheidungen in unseren Innenstäd- ten? Homeoffice, Distanzunterricht und ganz allgemein weniger Reiserei haben dazu geführt, dass die bisher bekannten Frequenzdaten der Citylagen keine verläss- liche Aussagekraft mehr haben. Kaufhäuser als Urgestein und Anker des Einzelhandels verschwinden ebenso aus vielen Innen- städten wie etablierte Marken. Leerstand gibt es inzwischen in besten Lagen und Shopping-Center, in die niemand mehr in- vestieren will. Das die geforderten Mieten nicht gleichzeitig ins Bodenlose fallen, liegt meistens an den Zwängen der Vermieter, die ihre laufende Finanzierung für die Im- mobilie bedienen zu müssen. Da ergibt sich inzwischen schon mal etwas Verhandlungs- spielraum, aber niemand sollte flächende- ckend auf Schnäppchenmieten hoffen. Was von den aktuellen Verwerfungen für die Zeit nach Corona dauerhaft bleiben wird, können auch ausgewiesene Experten nicht mit Sicherheit sagen. Ziemlich sicher ist, dass sich weitere Einzelhändler und Gastro- nomen vom Markt verabschieden werden, spätestens wenn die Sonderregelungen zum Insolvenz-recht auslaufen und ande- re Zahlungserleichterungen entfallen. Das wird auch das Umfeld der überlebenden Betriebe spürbar verändern. Vor dem Hin- tergrund dieser Ungewissheiten ist es wich- tiger denn je, eine Standortentscheidung äußerst sorgfältig vorzubereiten und dabei die Entscheidungsparameter der Vergan- genheit nicht ungeprüft zu übernehmen. Trotzdem haben Franchisegründungen bei der Standortsuche nach wie vor entschei- dende Vorteile, denn der Franchisegeber verfügt über belegbare Erfahrungen, wie das Profil eines Standortes aussehen sollte und nutzt Informationsmöglichkeiten, um die Veränderungen in den Städten zu beur- teilen und Konsequenzen für das Geschäfts- konzept zu ziehen. Synergien entstehen nach wie vor in gut konzipierten Shopping-Centern, insbe- sondere durch die Kombination von Ein- zelhandel und facettenreich gestalteten Food-Courts. Das hat auch weiterhin ein entsprechendes Mietpreisniveau zur Folge und ist mit zusätzlichen Kostenverpflich- tungen für die Gemeinschaftswerbung des Centers verbunden. Vermutlich werden aber diese Center mit ihrem besonderen Mikrokosmos auch nach dem Ende der ak- tuellen Krise wieder ein attraktiver Magnet in den Innenstädten sein. Keine Standortentscheidung ohne individuelle Analyse Unabhängig davon, welche Spuren die Coronazeit in den Innenstädten hinterlas- sen wird, Standortentscheidungen ohne Standortentscheidungen – was Corona verändert hat und was nicht Oft sind es die kleinen Dinge, die für einen Standort entscheidend sind. Durch Corona wissen wir, dass auch extrem winzige Dinge wie Viren in kurzer Zeit flächendeckend Standorte entscheidend verändern, oder sogar wertlos machen können. Besonders hart hat es den Einzelhandel und die Gastronomie getroffen. Die klassischen Citylagen werden nach der Pandemie die Narben des Leer- stands im Gesicht tragen. Franchisegeber sollten die bisherigen Standortkriterien überarbeiten und neu bewerten, denn die Erkenntnisse von gestern könnten der Irrtum von morgen sein – zum Nachteil der jeweiligen Franchisenehmer. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: •  Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchisesystemen beteiligt •  Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ •  Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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