franchiseERFOLGE Ausgabe Juni-Aug. 2019

8 franchise EXPERTEN . Seitdem ist viel passiert. Nach zaghaften Anfängen in den 70er-Jahren schwappte die erste große Fitnesswelle Anfang der 80er- Jahre von den USA zu uns. Heute betreiben Millionen Menschen fast jeden Alters frei- willig Sport und bezahlen auch noch Geld dafür. Schweißtreibende Aktivitäten in bunter Sportswear nennt man inzwischen Workout und seit Turnschuhe Sneaker hei- ßen, werden sie sowohl zum Businessan- zug als auch zum Rollator getragen. Fitness ist ein äußerst weit fassbarer Begriff, der zudem unterschiedlich interpretiert wird. Aber letztlich steht Fitness für körperliches und geistiges Wohlbefinden und ist wich- tig, um im Alltag leistungsfähig zu sein und Belastungen besser standzuhalten. Fitness- training ist jede gesunde sportliche Aktivi- tät, unabhängig davon, ob sie individuell in freier Natur oder im Fitnessstudio geschieht. Im Fitnessstudio kann ich aber differenziert Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit, Koordina- tion usw. gezielt trainieren. Dafür brauche ich ein professionelles Equipment, das sich selbst bei komfortablen Wohnverhältnis- sen nur schwer unterbringen lässt. Zudem bekomme ich im Fitnessstudio die Unter- stützung von Coaches, die mein Training fachlich begleiten und mich vor gesund- heitlichen Schäden bewahren. Der Slogan „Sport ist Mord“ ist zweifellos übertrieben – aber wer planlos schweres Eisen wuchtet oder beim Cycling schon die nächste Tour de France vor Augen hat, kann schnell ein Fall für den Arzt werden. Die Fitnessbranche ist wirtschaftlich fit und vielfältiger denn je. Vieles spricht für steigende Umsätze auch in den kommen- den Jahren und Experten gehen davon aus, dass die Fitnessbetriebe bereits 2020 über 12 Millionen Mitglieder unter Vertrag haben werden. Die trainieren erfahrungs- gemäß zwar nicht alle regelmäßig, aber die Beiträge fließen trotzdem in die Kasse. Für die positive Perspektive der Fitnessbranche gibt es mehrere Gründe, die sich zum Teil als Erfolgsfaktoren ergänzen. Gesundheit als Wert wird immer stärker wahrgenommen Durch den demografischen Wandel, den nicht nur Deutschland durchlebt, gewinnt das Thema Gesundheit sowohl gesamtge- sellschaftlich als auch persönlich für den Einzelnen immer mehr Bedeutung. Eine stark steigende Tendenz ist beim betrieb- lichen Gesundheitsmanagement (BGM) zu beobachten, dessen Ziel unter anderem die Ausübung gesundheitsförderlicher Aktivitä- ten ist. Dazu übernehmen mehr und mehr Unternehmen die Kosten für gesundheitli- che Prävention in geeigneten Fitnessbetrie- ben, um Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Beschäftigten zu fördern. Dabei steht das funktionelle Training als alltagsrele- vante und sportartübergreifende Trai- ningsform im Vordergrund, die durch ihre Bewegungsabläufe mehrere Gelenke und Muskelgruppen gleichzeitig beansprucht. Zudem gibt es den wachsenden Markt der Senioren, auf den die Fitnessbranche of- fensichtlich gut vorbereitet ist. Senioren benötigen eine leicht veränderte Form der Betreuung und des Trainings. Häufig werden hier präventive Bewegungspro- gramme mit medizinisch-therapeutischer Betreuung genutzt, bei denen physische Schwächen und Schmerzpunkte des Trai- nierenden durch eine vorherige Anamnese ermittelt werden und in einem individuel- len Trainingsplan Berücksichtigung finden. Weil Senioren meist etwas unsicherer sind, möchten sie individuell und ganzheitlich in das Training eingeführt werden. Außerdem sollten die Trainingsgeräte fein dosierbar sein und niedrigere Einstiegswiderstände besitzen. Diese sogenannte medizinische Fitness beinhaltet Krafttraining, Ausdau- ertraining, sowie Training mit dem eigenen Körpergewicht, Kleingeräten oder präven- tivmedizinisch konzipierten Kursen. Steigende Qualität, differenzierte Angebote und Digitalisierung Mit der DIN-Norm 33961 hat die deutsche Fitnessbranche eine Qualitätsnorm für ihre Betriebsstätten geschaffen, die weltweit einzigartig ist. Um nach dieser Norm zertifi- ziert zu werden, müssen Qualitätsstandards in allen Betriebsbereichen erfüllt werden. Das beginnt bei qualifiziertem Personal, dokumentierten Trainingskonzepten und technisch einwandfreier Ausstattung und erfasst auch Sicherheit, Hygiene, das Not- fallmanagement und die rechtliche Kor- rektheit der Kundenverträge. Qualifikatio- nen in Form von lizenzierten Trainern, der Lehrberuf des Sport- und Fitnesskaufmanns oder dem Fitnessfachwirt (IHK) stützen die steigende Qualität in der Branche ganz ent- scheidend. Dazu erleben wir seit geraumer Zeit eine Differenzierung der Businessmo- delle. Auf der einen Seite wächst die Zahl der Studioketten im Discountbereich mit großen Betriebsflächen, auf der anderen Seite entstehen verstärkt Boutiquestudios, die sich auf eine besondere Nische konzen- trieren, bei denen die persönliche Trainings- betreuung eine wesentliche Rolle spielt. Boutiquestudios sind daher eine moderne Alternative, die Personaltrainern eine solide wirtschaftliche Basis bieten können. Klassi- sche Fitnessstudios kombinieren oft beides, in dem sie eine Basisbetreuung bieten und auf Wunsch für bestimmte Zielgruppen ein Personaltrainer hinzugebucht werden kann. Differenzierung findet auch bei den EMS-Studios statt. Da wird das inzwischen kabellose EMS-Training auf das Laufband, eine Tanzfläche oder ins Zirkeltraining mit Kleingeräten integriert. Die Digitalisierung ist längst in der Fit- nessbranche angekommen und macht das Training effektiver und steuerbarer. Im voll- Wie fit ist die Fitnessbranche? In meiner Schulzeit trugen wir Turnschuhe, die meistens müffelten wie reifer Käse und unser Sport- lehrer versuchte in einer miefigen Turnhalle etwas Kraft und Vitalität in unsere schlaffen Körper zu bringen. Über den Zustand der Fitnessbranche in jener Zeit gibt es wenig zu berichten, denn so wie wir sie heute kennen, gab es sie noch gar nicht. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: • Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchise-systemen beteiligt • Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ • Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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