franchiseERFOLGE - Ausg. Juni-Aug. 2021

8 franchiseEXPERTEN. Franchisegeber bemühen sich auf vielfäl- tige Art und Weise, das Geschäftskonzept auf dem Markt der Gründungswilligen zu verkaufen und dabei die Vorteile und wirtschaftlichen Chancen in bestem Licht darzustellen. Ein gewissenhafter System- vergleich und Sorgfalt bei der Prüfung der Informationen sind unabdingbar. Um den Überblick nicht zu verlieren, muss das aber systematisch geschehen. Die Frage nach Art und Umfang der vorvertraglichen Auf- klärungspflichten ist von Juristen im Laufe der Jahre erarbeitet und durch vielfältige Rechtsprechung präzisiert worden. Der Franchisegeber muss unaufgefordert und aktiv alle Informationen offen legen, die für die Entscheidungsfindung des Fran- chisenehmers zum Systembeitritt von Be- deutung sind. Die Informationen müssen vollständig, unmissverständlich und rich- tig sein. Das ist nicht nur eine nette Geste des Franchisegebers, im Zuge ernsthafter Verhandlungen hat der Interessent einen Anspruch darauf. Ebenso eindeutig ist aber: bei Prognosen und Planzahlen für den Betrieb des Franchisenehmers kann der Franchisegeber grundsätzlich keine Haftung übernehmen, da Entwicklungen auftreten können, die er nicht beeinflus- sen kann. Status eines Franchisesystems und öffentliche Informationen Jedes Franchisesystem hat seinen indivi- duellen Ursprung und es hilft, den Hinter- grund und die strategischen Überlegungen des Franchisegebers zu kennen. Steht hin- ter der Geschäftsidee ein Start-Up oder ein erfolgreicher Filialist als Franchisegeber? Erklärt er das Konzept mit schlüssigen Ar- gumenten oder schwadroniert er nebulös wie ein Politiker? Wie war die Entwicklung des Systems bis heute und ist es über- haupt zukunftsfähig? Corona hat in vielen Branchen deutliche Spuren hinterlassen, ist aber auch der ultimative Stresstest für Franchisesysteme – hat das System den Test bestanden? Wie viele Franchiseneh- mer aktiv sind, dürfte kein Geheimnis sein. Die Anzahl und die Gründe von Vertrags- auflösungen der letzten zwei bis drei Jah- re zu kennen, ist aber noch wichtiger. Mit dem Wachstum eines Franchisesystems nehmen auch Vertragsauflösungen zu. Wenn schwerwiegende Gründe aus der familiären oder gesundheitlichen Situati- on eines Franchisenehmers der Grund da- für waren, so ist das nachvollziehbar. Wenn sich Vertragsauflösungen jedoch wegen wirtschaftlicher Probleme häufen, sollte dieses Franchisesystem sofort abgehakt werden – ein totes Pferd zu reiten, macht keinen Sinn. Auszeichnungen, Qualitätssiegel und Ran- kings für Franchisekonzepte sind öffent- liche Informationen, aber kein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung eines Fran- chisesystems. Sie gehören eher in die Kate- gorie „Betreutes Denken.“ Beispielsweise veröffentlichte FOCUSmoney 2018 eine Studie, die hinsichtlich Informationswert indiskutabel war und logische Fehler auf- wies. Es gab teilweise nur einen Franchi- segeber pro Rubrik, der dann zum Sieger gekürt wurde und nach Zahlung von 11.781 Euro für ein Jahr das Gütesiegel „Deutsch- lands beste Franchise-Unternehmen“ bei der Akquise von Franchisenehmern einset- zen durfte. In der Rubrik Feinkost kam die Champagner Galerie (?) mit Höchstpunkt- zahl auf Platz 1 und schlug deutlich das mit über 280 Standorten etablierte System Vom Fass – seit 1994 am Markt, Testsieger bei Stiftung Warentest, als Hidden Cham- pion von n-tv ausgezeichnet, Gewinner des Zukunftspreises Handel und diverser anderer Awards. Merkwürdigkeiten auch in der Rubrik Massivhausbau: Town & Coun- try, seit 2007 Jahr für Jahr das meistver- kaufte Markenhaus Deutschlands. Durch zahlreiche nutzbringende Features und In- novationen wird das Franchisesystem über das eigene Geschäftsfeld hinaus als Vor- bild für die gesamte Franchisewirtschaft gesehen, landete aber weit abgeschlagen hinter dem Sieger der Rubrik und hatte Glück, überhaupt erwähnt zu werden. Und in der Beautyrubrik wurde Sunpoint, da- mals mit 220 Studios quantitativer Markt- führer der Branche mit regional bis zu 60 Prozent Marktanteil, gänzlich verschwie- gen. Mir ist übrigens keine öffentliche Re- aktion vom Deutschen Franchise-Verband bekannt, der sich sonst permanent und ungefragt als oberster Hüter von Qualität und Transparenz in der Franchisewirtschaft inszeniert. Die Leistungen des Franchisegebers Die gegenseitigen Leistungspflichten zwischen Franchisegeber und Franchise- nehmer sind der rote Faden in den gene- rell recht komplexen Franchiseverträgen. Ein einwandfrei gestalteter Vertrag mit schlüssigen Regelungen sollte selbstver- Franchisesysteme vergleichen – was wirklich wichtig ist Wenn ich zum 100 Meter-Sprint gegen Usain Bolt antrete, werde ich ganz klar verlieren. Die Schlag- zeile „Wingral belegt sensationell den zweiten Platz, während Bolt Vorletzter wird“ wäre aber korrekt – es ist eben alles eine Frage der Darstellung. Das gilt auch für das öffentliche Schaulaufen von Franchisesystemen. Sich aber nur an werbewirksam kommunizierten Informationen oder Awards in Gold und Silber, irgendwelchen Qualitätssiegeln oder Rankings zu orientieren, ist für die Entschei- dung zum Systembeitritt auf jeden Fall zu wenig. Es gibt eine Vielzahl nachprüfbarer Fakten, die beim Vergleich unterschiedlicher Franchisesysteme wirklich wichtig sind. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: •  Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchisesystemen beteiligt •  Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ •  Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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