franchiseERFOLGE Ausgabe Juni/Juli 2018

16 franchise WISSEN . Zunächst ist die Erkenntnis wichtig, dass junge und etablierte Franchisesysteme je- weils ihre Vorteile haben können. Die An- nahme, dass es stets besser ist, sich einem etablierten und vielfach bewährten Fran- chisesystem anzuschließen, ist also nicht in allen Fällen zutreffend. Es kommt maß- geblich darauf an, auf welche Aspekte und Eigenschaften man Wert legt. Junge Franchisesysteme bieten Gestaltungsmöglichkeiten Wer sich als Franchisenehmer einem jun- gen System anschließt, hat mitunter mehr Freiheiten und dementsprechend eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Ob man dies als Vorteil ansieht, ist von den persönlichen Vorlieben abhängig. Wenn es sich nicht um ein junges Franchisesystem mit Indus- triehintergrund handelt, wird der Franchi- segeber in den ersten Jahren des System- wachstums seinen eigenen Schwerpunkt vor allem auf die Expansion legen. Das er- möglicht der ersten Generation der Fran- chisenehmer, sich an der Erprobung und Verbesserung des Franchisekonzepts zu beteiligen und in diesem Zusammenhang gewisse Freiheiten zu genießen. Das kann vor allem für Gründer interessant sein, die bereits Vorkenntnisse aus der betreffenden Branche haben und eigenes Know-how ein- bringen möchten. Häufig entsteht dadurch ein enges, partnerschaftliches und beinahe freundschaftliches Miteinander mit dem Franchisegeber, was bei dem Auftreten von Schwierigkeiten hilfreich sein kann. Allerdings darf man sich als Franchiseneh- mer der ersten Generation nicht der Illusion hingeben, dass dieses besondere Verhältnis ewig andauernd wird. Der Franchisegeber muss sich im Verlauf des Systemwachs- tums professionalisieren und wird, sobald eine größere Anzahl von Franchisenehmern erreicht ist, allein aus Gründen der Fairness gehalten sein, keine einzelnen Franchise- nehmern zu bevorzugen. Die genannten Vorteile sind bei jungen Franchisesystemen mit Industriehintergrund allerdings nicht in diesem Ausmaß anzutreffen. Industrieun- ternehmen, beispielsweise Markenherstel- ler, entwickeln ebenfalls Franchisesysteme als eigenen Absatzkanal. Diese jungen Fran- chisesysteme sind bereits in der Anfangs- zeit professionell geführt und bieten weni- ger Möglichkeiten für eine Mitgestaltung. Bieten etablierte Franchisesysteme mehr Sicherheit? Es ist naheliegend, anzunehmen, dass sich das Franchisekonzept eines etablierten Franchisesystems bereits hundertfach be- währt hat und dadurch mehr Sicherheit für einen Unternehmensgründer bietet. Diese Annahme kann zwar zutreffend sein, er- weist sich in der Praxis jedoch häufig als nicht haltbar. Es gibt durchaus Franchise- systeme, die aufgrund ihres langen Beste- hens und einer nennenswerten Anzahl von Franchisenehmern den Eindruck erwecken, mehr Sicherheit zu bieten, obwohl das tat- sächlich nicht der Fall ist. Manche vermeintlich etablierten Franchi- sesysteme haben in ihrer Geschichte eine erhebliche Anzahl von gescheiterten Fran- chisenehmern erlebt, dabei viele Fehler gemacht und es geschafft, diese Umstän- de erfolgreich zu verbergen. Es ist deshalb wichtig, genau hinzuschauen. Dies gilt auch für solche Franchisesysteme, die ihre bes- te Zeit hinter sich haben und nur noch den äußeren Anschein von Größe und Erfolg vermitteln. Letzteres ist in schrumpfenden Märkten anzutreffen, in denen mit einem ehemals erfolgreichen Franchisekonzept inzwischen nicht mehr erfolgreich gewirt- schaftet werden kann. Man darf sich mit anderen Worten von der Bestandsdauer und schieren Größe eines Franchisesystems nicht blenden lassen. Hinzuzufügen ist, dass es eine absolute „Sicherheit“ auch beim Franchising nicht gibt. Als Franchiseneh- mer sind Sie ein eigenverantwortlicher Un- ternehmer. Es kommt maßgeblich auf Ihre unternehmerische Tüchtigkeit, Ihr Engage- ment und Ihre kaufmännischen Entschei- dungen an, damit in einem Franchisesystem wirtschaftlicher Erfolg möglich ist. Franchi- sing macht eine Unternehmensgründung zwar sicherer, aber nicht vollkommen sicher. Die Nachteile einer hohen Betriebsdichte Etablierte Franchisesysteme verfügen, wenn sie im Laufe ihrer Geschichte erfolg- reich waren, über eine hohe Anzahl von Franchisenehmern. Dementsprechend ist die Betriebsdichte hoch, d.h. der räumliche Abstand zum nächstgelegenen Systembe- trieb ist relativ klein. In solchen Franchise- systemen kann es, wenn der Franchisegeber nicht vorgebeugt hat, zu einem nachteili- gen systeminternen Wettbewerb kommen. Dieser Effekt wird als „Kannibalisierung“ bezeichnet. Bei einem jungen Franchisesys- Junge und etablierte Franchisesysteme – Vorteile für die Franchisenehmer Die Franchisewirtschaft bietet interessierten Unternehmensgründern eine große Vielfalt von Mög- lichkeiten: In beinahe jeder Branche ist mindestens auch ein Franchisesystem aktiv, dem man sich an- schließen kann. Zu der Vielfalt gehört auch, dass es kleine und große, junge und etablierte Franchise- systeme gibt. Hier erfahren Sie, welche Vorteile es hat, sich einem jungen oder einem etablierten Franchisesystem anzuschließen. Dr. Patrick Giesler ist einer der führenden Franchiserechts- anwälte. Sein Team ist heute exklusiv und ausschließlich für die Seite der Franchisegeber tätig. Die Kanzlei berät bei Systemaufbau, Systemoptimierung, Franchiseverträgen und Handbüchern. Herr Dr. Giesler hat in den letzten 15 Jahren an dem Aufbau von über 80 Systemen mitgewirkt. Er ist Autor und Heraus- geber von mehreren Fachbüchern über Franchising (zum Beispiel das in der zweiten Auflage erscheinende Werk „Franchiserecht“ im Luchterhand-Verlag) und schreibt re- gelmäßig für die Zeitschrift franchiseERFOLGE. Herr Dr. Giesler ist Vorstandsvorsitzender der „Internatio- nal Franchise Lawyers Association“ (IFLA), einem weltwei- ten Netzwerk von Spezialanwälten für Franchising (www.franchiselawyers.de) Kontakt: BUSSE & MIESSEN Rechtsanwälte Partnerschaft Telefon (0228) 98391-26, E-Mail: kanzlei@busse-miessen.de Der Autor

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