franchiseERFOLGE - Sept.-Nov. 2019

10 franchise EXPERTEN . Der Ehrbare Kaufmann ist tiefstes Mittelalter Das ist kein Spruch aus der Abteilung Sa- tire, sondern eine Tatsache. Seit dem 12. Jahrhundert wird in Europa das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns in Kaufmannshand- büchern gelehrt. Begonnen hat alles im mittelalterlichen Italien und im norddeut- schen Städtebund der Hanse. Bis heute sind die Industrie-und Handelskammern in Deutschland gemäß § 1 des IHK-Gesetzes verpflichtet, im Sinne dieses Leitbildes zu wirken. Der Ehrbare Kaufmann soll Ver- antwortungsbewusstsein für alle Dinge seines geschäftlichen Erfolgs entwickeln, Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen und Vorbildcharakter für das Wirtschaftsleben sein. Selbstverständ- lich muss der Ehrbare Kaufmann immer im Kontext seiner Zeit betrachtet werden, aber der Grundgedanke, der seit dem Mit- telalter sein Verhalten bestimmt, ist immer noch gültig. Fachliches Wissen wird er- gänzt durch einen gefestigten Charakter, der sich an Tugenden wie Ehrlichkeit, Fleiß und Aufrichtung orientiert. Diese Tugenden stärken die Glaubwürdigkeit und schaffen Vertrauen für gute und faire Geschäfts- beziehungen. Ein fester Charakter und klare Prinzipien schützen den Kaufmann vor unüberlegten Handlungen und sollen verhindern, sich kurzfristig auf Kosten An- derer Vorteile zu verschaffen. Im Ehrbaren Kaufmann verschmelzen Wirtschaft und Ethik, der Grundsatz von Treu und Glauben hat hier seinen Ursprung. Da wünscht sich mancher das Mittelalter zurück, denn im heutigen Geschäftsleben ist der Ehrbare Kaufmann offensichtlich schon längst nicht mehr das Maß aller Dinge. In seinem Buch „Der Ehrliche ist immer der Dumme“ beschreibt Ulrich Wickert schon 2005 den Verfall von Werten, Anstand und Tugenden. Er belegt, dass Gewalt, Korrup- tion und Betrug in unserer Gesellschaft in- zwischen zum Alltag gehören. Gewalt im engen Sinne gibt es glücklicherweise nur in ganz speziellen Milieus und betrifft uns als Unternehmen eher nicht. Korruption und Betrug dagegen haben viele Gesichter und sind oft näher als man glaubt. An der bröseligen Gorch Fock, dem angeblichen Stolz der Marine, wird schon seit 2016 ge- werkelt. Aus den anfänglich veranschlag- ten zehn Millionen Euro sind inzwischen mindestens 135 Millionen Euro geworden. Der Vorstand der Werft wurde abgelöst, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlun- gen wegen Korruption und Veruntreuung von Geldern auf. Die Werft ist selbstver- ständlich nach verschiedenen DIN-ISO Normen zertifiziert und Frau von der Leyen, inzwischen zur EU weitergepilgert, hatte natürlich auch bei diesem Projekt keinen Überblick. Welche Eigeninteressen der ver- schiedenen Akteure haben hier wohl eine Rolle gespielt? Nun ja, das Meer ist weit und für das Versenken von Steuermillionen gibt es eigentlich nie einen Verantwortli- chen. Es genügt nicht, sympathische Sprüche auf der Homepage zu platzieren oder die Un- ternehmenswerte auf Hochglanzpapier zu drucken. Fairplay, Partnerschaft oder Nach- haltigkeit sind in der Praxis oft nur leere Worthülsen. Viele Unternehmen haben ei- nen formal festgelegten Wertekanon oder Ehrenkodex, in der Umsetzung sieht es je- doch ernüchternd bis total finster aus. Die- se Werte werden nur aus Marketinggrün- den kommuniziert und finden auch immer genügend Gutgläubige. Die Wirtschaftskri- se 2008 zeigte deutlich, wohin gieriges Ren- ditedenken, ohne Rücksicht auf Mitarbeiter und Gesellschaft, führen kann. Zur Ethik im Wirtschaftsleben gehört auch die Vertragstreue. Nicht jede Vereinbarung ist so komplex wie ein Franchisevertrag, der die Zusammenarbeit zwischen den Partei- en für viele Jahre regelt. Es sind die zahlrei- chen Verträge, die jeden von uns im Laufe der Zeit betreffen. Entweder verpflichten wir uns aktiv Leistungen zu erbringen oder wir vereinbaren, die Leistungen eines An- bieters zu erhalten. Wenn ich als Berater die Aufgaben vereinbarungsgemäß erle- digt habe oder wenn der Handwerker die Heizungsanlage repariert hat - am Ende gibt es eine Rechnung, die bezahlt werden soll- te. Allerdings lässt die Zahlungsmoral im- mer mehr zu wünschen übrig, schon jeder Zehnte zahlt nicht mehr wie vereinbart. Klar, rechtlich gesehen gibt es ein ganzes Spek- trum unterschiedlicher Leistungsstörungen und die Frage, wer diese zu vertreten hat. Aber in der Praxis stellt sich leider oft her- aus, dass der Auftraggeber niemals die Ab- sicht hatte zu bezahlen und viel Kreativität entwickelt, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Gedanken über die Ethik im Wirtschaftsleben Wer als Manager Werte vernichtet oder Kunden betrogen hat, macht sich mit millionenschwerer Abfindung und Boni aus dem Staub – da bleibt für Gedanken über die Ethik seines bisherigen Schaf- fens kaum Zeit. Es gibt Topmanager in börsennotierten Unternehmen, deren einziges Talent nur darin besteht, sich die eigene Anwesenheit mit dem Geld Dritter zu vergolden. Ganz zu schweigen von den intensiven Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik. Durch Lobbyismus und persönli- che Karriereziele ist die Bananenrepublik Deutschland längst keine Vision mehr. Wer erwischt wird, übernimmt die politische Verantwortung mit entsprechenden Versorgungsgarantien, auch gerne mit einem Spitzenpöstchen in der Wirtschaft als Upgrade. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: • Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchisesystemen beteiligt • Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ • Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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