franchieERFOLGE Sept.-Nov. 2021 - Ausgabe 100

12 Franchising wird entweder als Wirtschafts- form gepriesen oder als Haifischbecken ver- dammt. Dazwischen gibt es wenig. Wobei, Ignoranz, die gibt es schon. Lob- preisung und Verdammung setzen nämlich voraus, dass Franchising von Politik, Me- dienöffentlichkeit und Gesellschaft über- haupt zur Kenntnis genommen wird. Das ist keineswegs immer der Fall. In Teilen der Gesellschaft ist Franchising – abgesehen von dem Begriff, der sich einer gewissen Popularität erfreut – weiterhin beinahe unbekannt, obwohl es in den letzten zwei Jahrzehnten vielfältige Bemühungen gab, diese Wirtschaftsform populärer zu ma- chen. Immerhin: Viele Menschen haben inzwischen eine vage Vorstellung davon entwickelt, dass es sich um eine besondere Art der Selbstständigkeit handelt. Dieses Halbwissen geht bedauerlicherweise sehr oft mit dem Klischeebild einher, dass es sich bei Franchisenehmern „nicht um ech- te Selbstständige“ handele, sondern um Menschen, die sich gewissermaßen „ihren eigenen Job kaufen mussten“. Hinzu kommt in Teilen der Öffentlichkeit die schlechte Erinnerung an Skandale im Zusammenhang mit Franchisesystemen: Die eine oder ande- re negative Geschichte aus den letzten zwei Jahrzehnten schwingt mit, wenn heute über Franchising gesprochen wird. Davon wird in diesem Beitrag die Rede sein. Der Verfasser hat bereits in einer der ers- ten Ausgaben von franchiseERFOLGE darauf hingewiesen, dass Franchising im Grunde unbekannt bleiben will. Das Bemühen, Fran- chising populärer zu machen, muss deshalb an Grenzen stoßen. Denn Franchisesysteme zielen gerade darauf ab, von den Kundin- nen und Kunden als eine Filialkette wahr- genommen zu werden. Der Umstand, dass die vermeintlichen „Filialen“ in Wahrheit im Eigentum lokaler Unternehmerinnen und Unternehmer stehen, soll dabei nicht un- bedingt auffallen. Wellenbewegungen: hochgejazzt und medial verdammt Aus der Perspektive eines Rückblicks auf zwei Jahrzehnte wird leicht erkennbar, dass die Franchisewirtschaft in der öffent- lichen Wahrnehmung Wellenbewegungen durchläuft. Diese Wellenbewegungen ha- ben ihre Widerspiegelung auch in den Ar- tikeln in franchiseERFOLGE gefunden. Eine besonders augenfällige Aufwärtsbewe- gung gab es in den Jahren nach 1998, wäh- rend der ersten Kanzlerschaft von Gerhard Schröder, als sich die Berliner Politik eine „neue Gründerzeit“ herbeiwünschte und die fehlende Bereitschaft, Unternehmen zu gründen, als Ursache für die hohe Arbeits- losigkeit identifiziert zu haben glaubte. Die Bemühungen der Politik gipfelten in einer Art Expertenrunde in Berlin, zu der auch der Verfasser dieses Beitrags eingeladen war. Das mag im Jahr 2002 gewesen sein. Das Wirtschaftsministerium wollte von den versammelten „Experten“ vor allem wissen, ob die Schaffung eines Franchise- gesetzes dazu beitragen könne, die Fran- chisewirtschaft erfolgreicher zu machen. Positiv ist zu vermerken: Franchising wur- de von der Politik endlich als „Job-Motor“ der mittelständischen Wirtschaft erkannt. „Job-Motor“, das war ein typischer Begriff dieser Zeit. Dabei war allerdings die in der Fragestellung der Politik zum Ausdruck ge- brachte Geisteshaltung eher zweifelhaft: Staatliche Regulierung als Mittel, um Men- schen zu einer unternehmerischen Entfal- tung zu verhelfen? Gewiss nicht. Es war also nicht überraschend, dass die eingela- denen „Experten“ einhellig vor einem sol- chen Schritt gewarnt haben. Ob die Politik deshalb die Finger von einer gesetzlichen Regulierung des Franchising gelassen hat, darf zwar bezweifelt werden. Tatsache ist aber, dass es bis heute in Deutschland kein Franchisegesetz gibt. Auch in franchise- ERFOLGE wurde in der Folgezeit – das waren die frühen Ausgaben – das Für und Wider einer eventuellen staatlichen Regu- lierung erörtert. In den Jahren 2001 bis etwa 2004, in die be- kanntlich das Erscheinen der Erstausgabe von franchiseERFOLGE fällt, wurde Fran- chising dementsprechend überwiegend positiv bewertet und von der Tagespresse teilweise geradezu hochgejazzt. Für vie- le Franchisegeber war es in dieser Phase wesentlich einfacher als heute, genügend gründungsinteressierte Menschen für ihre Konzepte zu begeistern. Vor allem das In- teresse von qualifizierten Arbeitslosen, von denen es bedauerlicherweise viele gab, war geweckt. Öffentlich geförderte Darle- hen, die bis zur Fusion mit der KfW im Jahr 2003 überwiegend noch von der Deutschen Ausgleichsbank vergeben wurden, gelang- ten sogar in das Bewusstsein einer breiten Medienöffentlichkeit. Das war ein Hype. Zu- gleich war mit diesem Hype schon die Ursa- che für den darauf folgenden Niedergang gesetzt. Denn nicht jeder, der daraufhin einen Franchisevertrag unterzeichnet hat, war für eine unternehmerische Selbststän- digkeit geeignet. Im Gegenteil. Unterneh- merische Selbstständigkeit sollte niemals nur eine Behelfslösung sein. Die Folge war in den Jahren ab 2004 das Scheitern einer nennenswerten Anzahl von Franchiseneh- mern und eine Welle von Gerichtsprozessen 100 Ausgaben franchiseERFOLGE: Die wechselhafte Geschichte von Franchising und Recht Das Jubiläum der wichtigsten Fachzeitschrift der Franchisewirtschaft gibt Anlass zu einem Rück- blick auf zwei Jahrzehnte Franchising und Recht. In diesem Rückblick zeigt sich eine wechselhafte Geschichte mit Licht und Schatten. Dr. Patrick Giesler ist einer der führenden Franchiserechts- anwälte. Sein Team ist heute exklusiv und ausschließlich für die Seite der Franchisegeber tätig. Die Kanzlei berät bei Systemaufbau, Systemoptimierung, Franchiseverträgen und Handbüchern. Herr Dr. Giesler hat in den letzten 15 Jahren an dem Aufbau von über 80 Systemen mitgewirkt. Er ist Autor und Heraus- geber von mehreren Fachbüchern über Franchising (zum Beispiel das in der zweiten Auflage erscheinende Werk „Franchiserecht“ im Luchterhand-Verlag) und schreibt re- gelmäßig für die Zeitschrift franchiseERFOLGE. Herr Dr. Giesler ist Vorstandsvorsitzender der „Internatio- nal Franchise Lawyers Association“ (IFLA), einem weltwei- ten Netzwerk von Spezialanwälten für Franchising (www.franchiselawyers.de) Kontakt: BUSSE & MIESSEN Rechtsanwälte Partnerschaft Telefon (02 28) 983 91-26, E-Mail: kanzlei@busse-miessen.de Der Autor franchiseRECHT.

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