franchieERFOLGE Sept.-Nov. 2021 - Ausgabe 100

16 (Fast) „Alles ist franchisierbar“ So lautet die nachhaltige Erkenntnis aus der internationalen Franchisewirtschaft, die diese Aussage mit einer kaum mehr überschaubaren Zahl von Franchisekonzepten in allen Branchen weltweit unter Beweis stellt. Franchisesysteme werden vor allem im Einzelhandel, der Systemgastronomie sowie im Handwerk und im Dienstleistungsbereich durch viele bekannte Marken wahrgenommen, die man flächendeckend fast überall finden kann. franchiseWISSEN. Täglich kommen neue Franchiseangebote hinzu, mit mehr oder weniger tragfähigen Strategien und professionellen Abbildun- gen ihrer Geschäftsmodelle und ihres da- für notwendigen Know-hows. Besonders erfolgsversprechend sind oft hochspezi- alisierte Nischenkonzepte mit klaren Nut- zenversprechen für deutlich definierte Zielgruppen. Jede Problemlösung für be- stimmte Zielgruppen erzeugt auf anderen Ebenen immer neue Probleme, die es dann auch zu lösen gilt. Daher wird die Arbeit sicher nie ausgehen und neue Chancen für innovative Problemlösungen und daraus entwickelte innovative Geschäftsmodel- le bieten. Dazu trägt nicht nur die rasante Entwicklung des Internets bei, sondern auch Krisensituationen wie der aktuellen Pandemie, die alle Geschäftsmodelle mehr oder weniger auf den Prüfstand stellen. Franchisesysteme unterliegen ohnehin einer permanenten Innovationspflicht auch ohne vertragliche Regelungen, da Franchisean- bieter verpflichtet sind, ihre vertraglich ge- regelten Wettbewerbsvorteile für die Dauer eines Franchisevertrages aufrechtzuerhalten. Das bedeutet im Endeffekt, sich ständig den Märkten und Zielgruppen und damit den Kundenwünschen eines Franchisesystems agil anzupassen. Das gilt allerdings auch für sämtliche Vertriebskonzepte mit dem Un- terschied, dass bei einem kooperativen Ver- tragsvertriebssystem wie dem Franchising zwei selbstständige Partner (Franchisegeber und Franchisenehmer) den Markt bearbeiten und den Kunden gegenüberstehen. Je strin- genter ein Franchisegeber dabei sein System formuliert und umsetzt, desto größer auch dessen Haftung für den nachhaltigen Erfolg seines Franchisesystems. Je mehr also ein selbstständiger Franchisenehmer den Wei- sungen seines Franchisegebers folgen muss, um die Systemziele auch an seinem Franchi- sestandort und mit seinem Franchisebetrieb zu erreichen unter nicht unerheblicher Ein- schränkung seiner unternehmerischen Frei- heit als selbstständiger Franchisenehmer, desto sicherer müssen auch die wirtschaft- lich zugesagten Erfolge des Franchiseneh- mers eintreten. Franchisesysteme zählen aufgrund der notwendigen Vorleistungen zu den auf- wändigsten Vertriebskonzepten, da das Geschäftsmodell eines Franchiseanbieters so abgebildet sein muss, dass es auf Dritte übertragbar ist und ein Dritter, der Franchi- senehmer, damit nachhaltig rentabel für die Dauer eines Franchisevertrages arbei- ten kann. Das bedingt natürlich, dass man Franchisekonzepte vor einem Markteintritt erst ausführlich formulieren und testen muss, bevor man dafür geeignete Partner in ein solches System eingliedern kann. Eine solche Testphase erstreckt sich auch auf die ersten Systempartner, oft als Pilotpartner bezeichnet, mit denen gemeinsam ein Fran- chisekonzept dann optimiert wird bevor man in eine professionelle Systemvermark- tung einsteigt. Manche Franchiseanbieter gehen dabei zu forsch in den Markt und merken dann auf Kosten der ersten Franchi- separtner, dass ihr Geschäftsmodell noch nicht ausgereift ist und die Hausaufgaben nicht in einem dafür notwendigen Umfang erledigt worden sind. Als Franchiseinteressent sollte man sich nicht von Ideen und Stories künftiger Ent- wicklungen blenden lassen und sich lieber auf nachprüfbare Aussagen und Fakten verlassen. Je mehr man bei einem Fran- chiseanbieter dazu hinterfragt, desto um- fangreicher muss dieser wahrheitsgemäß antworten. Geeignete Franchisekandida- ten werden von allen Franchiseanbietern gesucht und sind eine besonders gesuchte Zielgruppe, die in einem sogenannten Käu- fermarkt entsprechende Vorteile geltend machen können. Dazu gehört zum Beispiel auch die Option, vor Eintritt in ein Franchi- sesystem in einem Franchisebetrieb einfach einmal mitzuarbeiten und direkte Eindrücke selbst zu erfahren. Ein guter Franchiseanbie- ter wird solche Optionen sicher einräumen und die Gelegenheit nutzen, seinen poten- ziellen Partner von der Qualität und Ausge- reiftheit seines Systems zu überzeugen. Als Franchiseinteressent sollte man sich von einem künftigen Franchisegeber auch die Krisensituationen und die Strategien dafür erläutern lassen, zumal Franchiseverträge in der Regel lange Laufzeiten haben, auch zur Erwirtschaftung der dafür eingesetzten In- vestitionen eines Franchisenehmers. In die- sen Pandemiezeiten haben sich auch viele Abläufe in Betrieben und auch Systemzen- tralen verändert und angepasst. Der Trend geht eindeutig hin zu hybriden Organisa- tionen und zu hybriden Arbeitsmodellen einschließlich hybrider Vertriebsmodelle. Wie ist ein Franchiseanbieter heute darauf eingestellt und wie wirkt sich das dann auf dessen Franchisepartner aus, wäre dann eine von vielen weiteren Fragen eines Fran- chisekandidaten. So werden zum Beispiel die Prinzipen für das Prozessmanagement in Franchisesys- temen immer konsequenter nach Agilitäts- gesichtspunkten ausgerichtet mit dem Kun- Rechtsanwalt Thomas Doeser: Studium der Rechts- und Wirt- schaftswissenschaften mit Schwerpunkten auf kooperativen Vertragsvertriebssystemen, Franchising, Licensing und inter- nationale Vertriebssysteme. Seit 1980 Partner einer international tätigen Unternehmensbe- ratung (BDU) mit Schwerpunkten in Nordamerika und Osteuro- pa mit der Spezialisierung auf die Konzeption und den Aufbau von Vertriebssystemen. 1980 Organisator des ersten Franchi- sekongresses in Deutschland sowie der ersten Franchisemes- se in Deutschland. Seit 1983 selbstständiger Rechtsanwalt in Tübingen Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der E.F.LAW, der European Franchise Lawyers Association EEIG. Spezialgebiet Franchise- und Lizenzrecht sowie Strategieent- wicklung und Beratung von Mandanten beim Auf- und Ausbau von Vertriebssystemen im In- und Ausland. Aktiv auch im operativen Bereich im Rahmen von Interimsmanagement und Treuhandmanagement. Projektarbeit in ganz Europa, Nordamerika sowie in Russland und in China. Seit 1980 zahlreiche Veröffentlichungen und Fachbuchbeiträge unter anderem zum Thema Franchising, Strategie und Management. Regelmäßige Kolumnen in bekannten Wirtschafts- zeitschriften sowie umfangreiche Vortragstätigkeiten im In- und Ausland auf Fachmessen, bei IHK's sowie unter anderem beim Deutschen Franchiseinstitut oder bei der ESB (European School of Business) in Reutlingen. Mitglied der E.F.LAW (Europäische Franchiseanwaltsver- einigung) Bis 2019 seit über 38 Jahren Mitglied im Rechtsausschuß des Deutschen Franchise- verbandes, Mitglied beim Deutschen Fachjournalistenverband, 2000 bis 2016 Vorstandsvor- sitzender der Beratergruppe Strategie (EKS) e.V. und eine Vielzahl weiterer Aktivitäten und Mitgliedschaften im In- und Ausland. Kontakt: Rechtsanwalt Thomas Doeser Robert Gradmann Weg 1 · 72076 Tübingen · Tel. 07071 600630 · Telefax 07071 600345 E-Mail: tdoeser@t-online.de · w ww.franchiseanwalt.de Foto: © Gerhard Blank Der Autor

RkJQdWJsaXNoZXIy MjUzMzQ=