franchieERFOLGE Sept.-Nov. 2021 - Ausgabe 100

6 franchiseEXPERTEN. Die 80er Jahre Das Leben war entspannter als heute. Le- bensfreude war noch erlaubt, nicht zu je- dem Thema steppten gleich Sprachreiniger und Meinungspolizisten durchs Bild. Ein gut bezahlter Job im Musikbusiness, mei- ne hübsche Frau, zwei tolle Kinder und ein Porsche vor unserem neuen Haus im Ost- seebad Eckernförde – ein schönes Lebens- gefühl. Irgendwann entdeckte ich das Fran- chising und begann alles zu sammeln, was mit dem Thema zu tun hatte. Es gab noch kein Internet, sondern nur Print. Aus meiner Neugier wurde Begeisterung und nachdem ich 1987 die Erstausgabe „Handbuch Franchising“ von Prof. Dr. Bruno Tietz und das wegweisende Werk „Fran- chising“ von Dr. Walther Skaupy gelesen hatte, war klar – das ist mein Ding. Im Fe- bruar 1988 erlebte ich Dr. Skaupy bei einer sogenannten „Unter-Uns“-Veranstaltung in Frankfurt. Beim Deutschen Franchise-Tag 1989 sprach ich mit Manfred Maus, der in- zwischen Dr. Skaupy als Präsident des DFV abgelöst hatte und als Kopf der Baumarkt- kette OBI eine angesehene Persönlichkeit war. Das Gespräch war mehr als der Aus- tausch von Höflichkeiten und Visitenkarten. Er zeigte ehrliches Interesse an meiner Per- son und bot mir ungefragt jegliche Unter- stützung für meine künftigen Aktivitäten in der Franchisewirtschaft an. In diesem Moment war ich in der Franchisewirtschaft angekommen. Ich beschloss, selbst ein Franchisesystem zu entwickeln. Als ambi- tionierter Hobbyfotograf mit wachsendem Kundenkreis bündelte ich über ein Dutzend innovativer Leistungen zu einem Konzept für den Premiumbereich der Fotografie. Im Februar 1989 wurde die Marke FOTORAMA national, etwas später auch international eingetragen. Parallel bot ich meine Dienste als Franchiseberater an, aber die deutsche Franchiseszene war mit etwa 9.000 Fran- chisenehmern noch sehr überschaubar und die Erfolge meiner Bemühungen ebenso. Im Zuge der Wiedervereinigung wurden in den neuen Bundesländern die Vorausset- zungen für Vertrags- und Gewerbefreiheit geschaffen. Eine historische Chance für das Franchising. Die 90er Jahre Ein in jeder Hinsicht dynamisches Jahrzehnt für die Franchisewirtschaft insgesamt und auch für mich persönlich. Am 8. Juni 1990 öffnete die erste Deutsche Franchisemes- se in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden auf 2.600 qm Fläche ihre Tore und 4.100 Be- sucher kamen. An die Aufbruchstimmung auf der Messe erinnere ich mich noch sehr gut. In den ersten Jahre nach der Wende tauchten verstärkt Franchisegeber auf, die ohne nennenswertes Know-how mit der heißen Nadel ein Konzept gestrickt hat- ten und nun das schnelle Geld der Unwis- senden im Osten der Republik suchten. In den Wochenendausgaben überregionaler Tageszeitungen waren die Anzeigen mit vollmundigen Erfolgsversprechen nicht zu übersehen, der Begriff Existenzgründungs- schwindel machte die Runde. In Ostdeutschland stand hinter dem Satz „ich möchte mich privat machen“ der Wunsch nach Selbstständigkeit. Unterneh- mensberater zogen in Armeestärke wie Wanderprediger durch die neuen Bundes- länder, um die Botschaft der Selbststän- digkeit in der freien Marktwirtschaft zu verkünden. Am 20. September 1995 schrieb mir ein junger Verlag aus Lohmar, dass in Kürze der erste elektronische Franchiseführer in Deutschland auf den Markt kommt. Zitat: „Als modernes Medium bietet CD-Rom viel- fältige Möglichkeiten der Information und Hilfe für Franchise-Interessenten, die über gedruckte Medien weit hinausgehen. Für die Weiterentwicklung unserer Franchise- CD sind wir auf Anregungen und Kritik aus der Praxis angewiesen.“ Der Brief war unterschrieben von Ulrich Kessler, meine Unterstützung bekam er sofort und sehr gerne. Die CD war in der Zeit das führen- de Medium, denn es gab noch nicht ein- mal 10.000 Internetadressen in Deutsch- land. Aus der jährlich produzierten CD wurde im Mai 2000 das FranchisePORTAL und aus dem Kontakt entstand eine Freundschaft mit den Eheleuten Kessler und auch mit den Söhnen Steffen und Se- bastian. Das Portal ist heute weit mehr als ein Informationsangebot für Gründungsin- teressierte – es ist meiner Meinung nach zur kompetentesten Institution der Fran- chisewirtschaft geworden. Für die erfolgreiche Expansion eines Fran- chisesystems ist das Aufspüren geeigneter Partner bis heute eine Herausforderung und für diese Partner eine solide Finan- zierung zu bekommen, war, zumindest bis Anfang der 00er-Jahre, ebenfalls nicht einfach. Damit sich nicht alle Beteiligten bei dem Thema weiterhin weinend in den Armen liegen, gründete ich 1995 zu- sammen mit einem Rechtsanwalt aus Kiel und einem Steuerberater aus Hamburg eine Beteiligungsgesellschaft für Franchi- sesysteme. Zum Start legten wir die ers- te Million selbst in die Kasse. Kieser Trai- ning, Stichweh, Schwabenküche, Bauspezi, Werkzeugpartner, Uniglobe und andere erkannten sehr schnell den Nutzen und wurden unsere Kunden. Als Grundlage für Von Null auf Hundert in 18 Jahren „Hallo Herr Wingral – Sie leben ja auch noch.“ Dieser etwas zwiespältige Gruß stammte von einem älteren Herrn, der mir auf der FranchiseExpo Frankfurt im November 2019 zufällig über den Weg lief. Es war Hans Lang, bis 1996 Geschäftsführer des Deutschen Franchise-Verbands. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich mich inzwischen durch vier Jahrzehnte Franchisewirtschaft bewegt habe. Anlässlich der 100. Ausgabe dieses Magazins möchte ich ein paar Erkenntnisse, aber auch sehr persönliche Erlebnisse in einer Zeitreise mit Ihnen teilen. Folgen Sie mir bitte unauffällig. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: • Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchisesystemen beteiligt • Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ • Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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