franchiseERFOLGE Ausgabe Oktober/November 2018

14 franchise EXPERTEN . Regelmäßig werden Studien veröffentlicht, die sich mit der Zukunft des Einzelhandels befassen. Manche Erkenntnisse sind nicht neu, andere lassen aufhorchen. Die Le- bensumstände, aber auch die Mentalität der Kunden verändern sich. Da wird das Handy gezückt, um die angebotene Ware anschließend in Internetshops zu suchen oder bei der Präsentation einer neuen Kol- lektion wird gefragt, wann die Preise re- duziert werden. Um die Entwicklungen zu verstehen, sollte man das subjekte Gefühl und die Fakten jedoch nicht vermischen. Subjektiv glauben sieben von zehn Kunden, dass durch große Filialketten und Dienst- leister die Angebotsvielfalt in den Städten leidet. Über achtzig Prozent der Befragten bedauert, dass kleine Läden von den Gro- ßen verdrängt werden, und dadurch die Innenstadt an Flair verliert. Lücken durch Leerstand und das Schild „Zu vermieten“ ist ein Indiz für Geschäfte, die den Über- lebenskampf verloren haben. Und die Fakten? Stationärer Handel und Online Shopping Die Entwicklung wird durch die Faktoren Mensch und Technik geprägt. Die Zahl der Singlehaushalte steigt, die Lebenserwar- tung der Menschen ebenso und damit er- höht sich das Durchschnittsalter der Bevöl- kerung. Auf das Selbstverständnis und die Erwartungshaltung älterer Menschen muss der Handel reagieren. Die technischen Ent- wicklungen sind beim Einkaufsprozess gut zu beobachten. Unterhaltungselektronik, Autoersatzteile oder Büromaterial wer- den häufiger Online bestellt, die Entwick- lung verläuft aber in den verschiedenen Geschäftssegmenten unterschiedlich. Die Zuwächse beim Onlinehandel verschleiern trotzdem den Blick auf die Tatsache, dass er bis heute nur einen kleinen Teil am Umsatz des Einzelhandels ausmacht. Der Handel flüchtet nicht planlos ins Onlinegeschäft, sondern entwickelt verstärkt neue Konzep- te für seine Geschäfte, um den Bedürfnis- sen seiner Kunden auch in Zukunft gerecht zu werden. Viele Käufe machen eine Bera- tung erforderlich, die alleine durch Texte und Bilder im Online-Handel nicht zu leisten ist und den Einkauf im klassischen Ladenge- schäft erfordert. Was für den traditionellen Einzelhandel die Emotionen sind, ist im Online-Handel die professionelle Logistik. Online-Lösungen und stationären Einzelhandel zu verbinden, ist schon heute Standard. Die Kunden hin- terlassen durch diese Art des Einkaufens in zunehmendem Maße digitale Spuren. Das sollte der Einzelhandel noch konsequen- ter nutzen, denn durch die Daten werden Preisoptimierung, Sortimentsanalyse, Wa- renkorbanalyse usw. möglich, die das Be- triebsergebnis verbessern. Der Einzelhändler muss den Schritt vom Bauchgefühl zum Pro- gnosetool gehen, selbst wetterbasierte Ab- satzprognosen oder Wettereffektanalysen sind durch Big Data möglich. Inhabergeführ- te Geschäfte können aus Kostengründen diesen Tools häufig nichts entgegensetzen und haben dadurch Nachteile gegenüber Filialisten und Franchisebetrieben. Social Media ist als fester Bestandteil von Marketing und Werbung im Einzelhandel angekommen. Die Kenntnis über die Kun- den basiert auf einem Dialog. Es geht da- rum, Daten zu bekommen, die primär gar nichts mit dem Produkt zu tun haben, son- dern mit dem Profil und den Motiven des Kunden. Es gibt mehr Transparenz, mehr Wettbewerb und die Kunden sind kriti- scher. Erfolgreicher Einzelhandel ist immer die Summe vieler Faktoren. Standort, Logis- tik, Preis, Sortiment und Marketing sind die wichtigsten Säulen. „Retail ist Detail“ heißt ein alter Slogan – und er hat in einer immer komplexer werdenden Wirtschaftswelt un- eingeschränkt Bedeutung. Der Einzelkämp- fer ist auf Dauer überfordert, die Chancen auf nachhaltigen Erfolg sind beim Franchi- senehmer eindeutig besser. Was passiert in den Innenstädten? Der Wohlfühlfaktor in einer Fußgängerzo- ne ergibt sich aus zahlreichen Aspekten. Die Mischung aus Handel und Gastronomie, der Branchenmix selbst und das architek- tonische Ambiente prägen das Bild. Filialis- ten bringen das Geld für die Immobilie mit, Franchisebetriebe die Vielfalt des engagier- ten Unternehmertums. Die meisten Städte verfügen weder über Ideen noch über das nötige Geld zur Entwicklung der Innen- stadtbereiche, daher werden Einkaufsstra- ßen in Zukunft auch verstärkt durch private Initiativen geprägt sein. 2005 hat Hamburg Pionierarbeit durch Einführung des Modells der Business Improvement Districts (BID) geleistet. Seitdem haben in 26 Quartieren der Stadt Immobilieneigentümer und die dort ansässigen Einzelhändler gemeinsam viel eigenes Geld investiert, um ihren Kiez attraktiver zu machen und zur Verbesse- rung der Einkaufssituation beizutragen. Grundsätzlich steigt durch diese Investiti- onen das Mietniveau. Es werden aber auch die Ramschläden und Betriebe ferngehal- Entwicklung und Trends im Einzelhandel Trends in der Mode kommen und gehen wie Ebbe und Flut und können in den Schaufenstern des Einzelhandels bestaunt werden. War vor einigen Jahren die Herrenmode so geräumig geschnitten als wäre sie direkt für die Altkleidersammlung produziert worden, so ist heute s(ch)lim-fit als Schnitt angesagt. Das lässt manchen Anzugträger zwar aussehen wie eine Presswurst – aber Hauptsache es ist der neueste Trend. Textilien sind ein wichtiger Umsatzträger im Einzelhandel, aber dessen Ent- wicklungen und Trends sind deutlich schwieriger vorherzusagen als die Mode der nächsten Saison. Seit 1988 berät Reinhard Wingral rund 300 Franchisepro- jekte verantwortet und über 1.200 Gründungen begleitet. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Wingral & Partner Unternehmensberatung für Franchising und Innovation und Vorstandsvorsitzender der Global Franchise AG, die Beteili- gungen an Franchiseunternehmen hält und das Systemma- nagement junger Systeme führt. Einige grundlegende Inno- vationen für die Franchisewirtschaft stammen von ihm, u.a: • Initiator und geschäftsführender Gesellschafter der ers- ten Beteiligungsgesellschaft, die sich mit Risikokapital an Franchise-systemen beteiligt • Entwicklung und Realisierung des Berufsbildes „Franchise Management IHK“ • Begleitung von EU-Projekten zur Etablierung des Fran- chise in den baltischen Staaten Reinhard Wingral ist Mitglied in der International Lawyers Association (IFLA), im Business Angel Netzwerk Deutschland (BAND), akkreditierter Berater bei der Bürgengemeinschaft Hamburg und weiterer wirtschaftsnahen Organisationen. Kontakt: r.wingral@wingral.de Der Autor

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